Ganz schön harte Schiene, welche die Belgier Bear hier fahren. „Propaganda“ ist ein derber Wutbatzen, welcher sich mit Propaganda der verschiedensten Arten befasst. Musikalisch also durchaus adäquat umgesetzt. Die Lautsprecher dieser Welt stehen ja sonst auch nicht gerade auf die subtile, sondern eher die Holzhammermethode.

Bear wurzeln im Hardcore-Bereich, das ist sehr deutlich zu hören. Ruppige, knackige Songs und derbes Geschrei stehen im Vordergrund. Die Band hat die Grenzen des Genres aber sehr weit nach außen verschoben und steht mit einem Bein fest im modernen Metal, dem progressiveren Djent-Bereich. Während der Rhythmus stark nach vorne prügelt, knallen verwinkelte, enorm tiefergelegte Riffs um den Kopf des Hörers. Nervös zappelnd und doch hoch technisiert, weiß man manchmal gar nicht mehr, ob man Männchen oder Weibchen ist. Wow, wirklich kein Easy-Listening für Zwischendurch!

Die Musik auf „Propaganda“ wühlt auf, reißt einen unweigerlich mit – ob man das jetzt gut findet oder nicht. Überraschenderweise gibt es immer wieder fast schon eingängige Refrains, selbst wenn die Band es einem ansonsten nicht so einfach macht. Diese Rettungsanker nimmt man auch gerne an, bei dem ansonsten vorherrschenden Sperrfeuer. Besonders geil kommen dabei Songs wie „Gutter Love“ oder „Flares“. Manches wirkt dabei leider etwas unentschlossen, wie der Titeltrack. Kleine Farbtupfer gibt es mit den futuristischen „Engine“ oder dem fast schon lässig groovenden „Apollo’s Heist“.

Trotz der etwas progressiven Ausrichtung gehen Bear in ihren Songs recht straff und ohne große Schnörkel vor. Einen gewissen Anspruch kann man ihnen dabei keinesfalls absprechen. Auf diese Weise bringt man spielend das Hardcore- sowie das Metallager zusammen, ohne „Metalcore“ zu sein. Das alleine ist schon eine Erwähnung wert. „Propaganda“ ist auch kein schlechtes Album. Aber der letzte Funke mag auf Dauer einfach nicht überspringen. Dabei ist es vielleicht etwas zu überdreht, einige Songs auch einfach nicht spannend genug.

 

Trackliste:
1. Dissolve Dissipate 3:22
2. Propaganda 4:56
3. Obey 3:49
4. Apollo’s Heist 3:40
5. Red Throne 3:38
6. Mite 1:56
7. Gutter Love 3:46
8. Stigmata 4:07
9. The Ram 1:19
10. Flares 3:33
11. Engine 3:31
12. Kuma

 

 

Photo-Credit: Stef Exelmans

 

Bear - Propaganda (Pelagic Records, 08.05.2020)
3.5Gesamtwertung