„It’s Friday night and I’m in the basement screaming out my lungs with my best friends”. Die Textzeile aus “American Girls And French Kisses” von Beach Slang dürfte heute, bis auf den falschen Tag (es ist Montag), absolut zutreffen. Nach einer, vor allen Dingen, überzeugenden Vocal-Performance von Singer/Songwriterin Petal, spielen die vier Jungs aus Philadelphia heute im Kölner Underground. Das Konzert wurde aus dem Blue Shell hierher verlegt. Das ist gut so, denn ich mag mir nicht ausmalen, wie all diese Leute in einen kleineren Laden hätten passen sollen. Diese Band ist derzeit eine der heiß diskutiertesten Acts der Punkszene. Und das zu Recht, wenn man sich ihr famoses Debüt-Album aus dem letzten Jahr zu Gemüte führt. Höchste Zeit, sich vor ihrer Show mit Songwriter und Gitarrist James Alex, Gitarrist Ruben Gallego und Schlagzeuger JP Flexner zu unterhalten.

Björn:
Hey zusammen, ihr wart letztes Jahr ja schon mal in Köln, wie ist es dieses Mal so?

James:
Wir werden mal sehen, wir sind noch nicht lange hier. Aber wir freuen uns auf heute Abend, ein Paar Freunde kommen vorbei und die Show wird bestimmt super.

Björn:
Wie ist denn die Tour im Vergleich zur letzten Europatour. Immerhin wurde die Show aus dem Blue Shell hier ins größere Underground verlegt. Hat euch das überrascht?

James:
Wir sind ein bisschen schockiert, aber natürlich auf positive Art. Klar, wir wollen immer, dass es gut läuft, allerdings erwarten wir das nicht. Die Chance, jetzt vor noch mehr Leuten zu spielen und vielleicht noch mehr Freunde zu gewinnen ist einfach nur toll. Das hätten wir nicht erwartet.

Björn:
Ihr seid derzeit ja auch sehr angesagt und seit dem letzten Jahr gefühlt nur noch auf Tour. Habt ihr schon gewisse Rituale vor den Shows oder auf Tour generell entwickelt?

James:
Ich bin ziemlich lahm: Ich trage eigentlich immer das gleiche Outfit auf Tour. Und ich habe immer eine Kopie von „The Perks Of Being A Wallflower“ dabei, um ein wenig zu lesen.

Björn:
Ist das eine deiner Strategien um die Zeit totzuschlagen. Bücher lesen?

James:
Ja, ich denke Lesen ist überhaupt eine der besten Dinge, um Zeit totzuschlagen. Denn man kann sich gleichzeitig auch noch bilden. Wir haben auf dieser Tour angefangen am nächsten Album zu arbeiten, während den Soundchecks etc. Da ist Lesen eine schöne Ablenkungsmöglichkeit. Ich kann mit Freizeit einfach nicht gut umgehen. Ich muss immer beschäftigt bleiben.

Björn:
Was ist das Beste daran, so viel zu Touren?

Ruben:
(Beäugt sein Falafel-Sandwich, alle fangen an zu lachen) Falafel-Essen.

James:
Haha, ja, wir essen auf Tour definitiv besser als zu Hause. Das Beste ist, immer wieder in Städte zurückzukommen, in denen wir beim letzten Mal Freundschaften geschlossen haben und diese Freunde dann wiedertreffen zu können. Und, immer neue Orte zu entdecken. Man bekommt einfach etwas von der Welt zu sehen, wenn man auf Tour ist. Gerade als Autor ist das von unschätzbarem Wert. Denn all diese Eindrücke können dich inspirieren.

Björn:
Was ist das Schlimmste auf Tour?

JP:
Naja, manchmal einfach das Heimweh. Aber das wird von den Shows ganz schnell wieder verdrängt. Jedes Konzert ist wie ein Reset-Button. Ich realisiere dann ganz schnell, wie gut es mir geht und was ich für ein Glück habe, mit diesen Jungs jeden Abend die Bühne zu teilen. Auf Tour ist einfach alles intensiver, die Höhen, wie auch die Tiefen des Lebens.

Björn:
Könnt ihr euch an etwas wie die beste Show, die ihr je gespielt habt, erinnern?

JP:
Es gab so viele, das ist so hart eine herauszupicken. James, hast du eine Idee?

James:
Wir sind so langsam an einem Punkt, an dem es zum wunderschönen Problem wird, da noch etwas auszuwählen.

JP:
Ich könnte dir eine Top-Ten-Liste machen, allerdings ohne spezifische Reihenfolge. Verschiedene Shows sind aus verschiedenen Gründen toll gewesen.

James:
Ja, definitiv. Und dann ist da natürlich auch immer noch die Hoffnung, dass die großartigste Show noch kommt. Und das wird glaube ich auch so ein Ewigkeits-Ding bleiben. Denn das motiviert einen ja auch, immer weiter zu machen.

Björn:
Wie sieht denn eine wirklich gute Show für euch aus?

JP:
Ich glaube, wir sind sehr einfach zufrieden zu stellen. Wir haben schon Shows gespielt, bei denen der Sound grässlich war, die trotzdem super geworden sind. Oder Shows, bei denen der Laden nicht so gut gefüllt war, die aber trotzdem total Spaß gemacht haben. Das ist oftmals auch eine Einstellungs-Sache: Wenn du von vorneherein mit einer positiven Einstellung in eine Show gehst, ist es auch wahrscheinlicher, dass sie gut wird. Wenn du das liebst, was du tust, dann kannst du jeder Show etwas abgewinnen.

Ruben:
Ein Raum, ein Drumset, ein Paar Gitarren und ein Publikum. Das ist perfekt.

Björn:
Was war eure früheste, musikalische Epiphanie? Was, Wann, Warum?

(alle überlegen angestrengt)

James:
Der Grund, warum ich Musik mache, ist, dass mich meine Mutter als kleines Kind mal zu einer Musicalaufführung von Tommy (ein Musiktheaterstück von The Who’s Pete Townsend) mitgenommen hat. Es war eine lokale Produktion und das waren einfach ganz gewöhnliche Kids, die diese Townsend-Songs performten. An dem Punkt dachte ich, wow, sowas will ich auch machen. Und dann hatte ich zwei Onkel, die mir Bands wie The Buzzcocks, The Ramones, Circle Jerks und 999 gezeigt haben. Das hatte natürlich einen riesigen Einfluss auf mich, diese Energie, die von den Platten ausging. Ich wollte nicht gut sein, einfach nur genauso schnell und laut wie diese Bands. Ich konnte vielleicht keinen Queen-Song auf Gitarre spielen, aber es war möglich, schnell einen Ramones-Song zu lernen. Und das hatte etwas Befreiendes.

Ruben:
Ich war in Kolumbien und habe meine Familie besucht. Da muss ich so acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Und mein Lieblingscousin hatte eine Akustik-Gitarre in seinem Zimmer. Er war ein riesen Nirvana-Fan und hat mir „Come As You Are“ auf der Gitarre beigebracht und danach „The Man Who Sold The World“. Das war zu der Zeit, als die MTV-Unplugged Sessions von Nirvana gerade aktuell waren. Ich saß da als Achtjähriger im Schneidersitz auf dem Boden, als wir uns die Sessions angeguckt haben und ich wusste, dass ich auch sowas machen will.

JP:
Ich muss so zwölf gewesen sein, da habe ich „Kerplunk“ von Green Day auf Kassette geschenkt bekommen. Mein Vater war College-Professor und einer seiner Studenten hat sie mir geschenkt. Ich erinnere mich daran, dass ich nach Hause gekommen und diese Nacht nicht ins Bett gegangen bin. Ich habe das Tape einfach immer wieder umgedreht und die ganze Nacht gehört. Das war das erste Mal, dass ich mich Musik wirklich verbunden gefühlt habe. Weil die über die Dinge gesungen haben, die mir wichtig waren als Teenager.

Björn:
Wenn ihr euch irgendeinen Künstler oder eine Band aussuchen könntet, mit der ihr mal auf der Bühne stehen wolltet. Wer wäre das?

James:
Ich habe mal gesagt The Replacements, allerdings nur wenn die damit einverstanden wären. Ich will niemanden so nerven, dass es unangenehm wird. Diese Band hat mich vermutlich mehr als alle anderen geprägt. Ich würde auch gerne mal Bukowskis Wein-Techniker sein (alle lachen). Einfach nur der Typ, der den Wein nachschenkt und ihm die Weine präsentiert.

Ruben:
Ich würde gerne mal ein komplettes Jahr lang durchgängig mit den Pixies auf Tour sein.

James:
Da wäre ich sofort dabei Rubes.

Ruben:
Das wäre mal ein Experiment. Ein ganzes Jahr lang unterwegs sein.

JP:
Also entweder Jawbreaker, aus offensichtlichen Gründen, oder Pinhead Gunpowder.

Ruben:
Es gibt da so einen internen Witz, den ich eigentlich immer nur mache, weil ich mir eigentlich wirklich wünsche, dass wir mal für die Foo Fighters einen Support spielen. Oder mit ihnen auf Tour gehen können. Das ist so ein Geheimwunsch von mir.

Björn:
Was glaubt ihr, inwiefern hat sich die Wahrnehmung von Musik durch die digitalen Medien verändert, Stichwort Streaming etc.?

James:
Was ich an dieser ganzen digitalen Revolution gut finde, ist, dass die Labels dadurch eine Menge Macht verloren haben, die jetzt wieder in den Händen der Künstler liegt. Es gab mal eine Zeit, in der Labels und Radiosender die musikalische Welt regulieren konnten. Sie konnten darüber entscheiden, was gut und schlecht ist, und was die Leute zu hören bekommen sollten und was nicht. Und heute ist es großartig, dass jeder in seinem Keller mit ein bisschen Equipment etwas aufnehmen und digital veröffentlichen kann und somit tatsächlich die Chance darauf hat, dass die Musik gehört wird. Allein die Möglichkeit, es zu veröffentlichen und sich kreativ auszudrücken ist sehr wichtig. Natürlich hat das auch den ganzen Markt ziemlich verwässert. Nicht jeder, der etwas aufnimmt und im Netz veröffentlicht, ist auch gut. Aber wenn man etwas aufrichtig und mit ganzen Herzen verfolgt, dann wird es auch einen Platz in der Musikwelt finden können.

Björn:
Vinyl ist ja mittlerweile wieder extrem beliebt. Wenn ich mir das Vinyl-Package von eurem aktuellen Album anschaue, dann wirkt alles sehr handgemacht und mit viel Liebe zum Detail, so, wie ich mir ein Package für meine Band auch wünschen würde. Ihr habt da sehr viel selbst gemacht, richtig?

James:
Oh ja, alles daran.

Björn:
Also war euch das auch sehr wichtig, da alles selbst zu gestalten?

James:
Absolut richtig. Sowas hat sogar schon zum Abbruch von Vertragsverhandlungen geführt. Wir haben mit einem Label verhandelt, die der Meinung waren, wir sollten das ganze Artwork jemand anderem überlassen. Dadurch ist es dann nicht zu einem Deal gekommen. Mir ist das so wichtig, in Sachen Artwork wirklich nichts aus der Hand zu geben. Als wir dann mit Polyvinylrecords, bei denen wir dann auch gelandet sind, verhandelt haben, war es für sie selbstverständlich, dass wir das selbst machen können.

Björn:
Wenn ihr von einer Tour nach Hause kommt: Worauf freut ihr euch am meisten?

Ruben:
Mein Mitbewohner hat eine neue Katze, die ich noch nicht kennen gelernt habe. Das muss ich nachholen. Außerdem habe ich einen Gitarrenschüler zu Hause, dem ich einige Hausaufgaben gegeben habe, bevor ich auf Tour bin. Ich bin gespannt ob er geübt hat und weiter gekommen ist. Naja und ich freue mich natürlich darauf, meine Freundin wieder zu sehen.

James:
Die Herzensdamen wiederzusehen ist natürlich eine große Sache. Ich habe außerdem einen kleinen Sohn, den ich jetzt länger nicht sehen konnte. Wir haben zwar jeden Tag per Videochat miteinander geredet, aber ich kann es kaum erwarten, den süßen, kleinen Teufel wieder in den Arm zu nehmen. Und es gibt bei mir um die Ecke ein Restaurant, in dem wir traditionsgemäß nach jeder Tour einmal Essen gehen.

JP:
Für mich gilt eigentlich Ähnliches: Ich vermisse meine Frau, meine Katzen und mein Zuhause. Und wir werden an einem neuen Album arbeiten, wenn wir wieder zurück sind. Diese Phase ist immer sehr aufregend, darauf freue ich mich auch schon. Und, einfach mal durchzuatmen und sich auszuruhen, das ist auch wichtig.