Axel Rudi Pell – Lost XXIII (Steamhammer/SPV, 15.04.2022)

Was, schon wieder zwei Jahre vorbei? Wenn der gute Axel weiterhin mit dieser Regelmäßigkeit Alben veröffentlicht, kann ich nach der Bewertung von weiteren zehn Scheiben von ihm ja fast in Rente gehen…

Aber nun mal im Ernst: Es ist schon erstaunlich, mit welchem Fleiß und mit welcher Beständigkeit sich der Bochumer mit seiner Truppe ins Zeug legt. Mittlerweile liegt das 21. Studiowerk vor und 33 Jahre Solokarriere stehen zu Buche. Das ist schon mehr als amtlich. Wo manch andere Musiker komplett abtauchen und in der Corona-Pandemie scheinbar untätig herumsitzen, packt Pell das Studio-Equipment aus und verdient sich damit ein Fleißbildchen nach dem anderen. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn keine Live-Aktivitäten durchgeführt werden können?

Wie bei Pell-Alben üblich eröffnet auch hier ein ergreifendes Intro den Silberling. Die erste Single „Survive“ macht eindrucksvoll klar, dass mit der Truppe wieder zu rechnen ist. Sie lassen sich nicht unterkriegen, das ist das Motto des Songs. Die eingängige Nummer geht geradewegs nach vorne und liefert ein amtliches Hardrock-Brett ab. Bei „No Compromise“ wippt mein Fuß sofort mit. Das Stück ist typisch Pell – melodiös und anspruchsvoll. „Down On The Streets“ hat textlich eine gewisse Phil-Lynott-Schlagseite, soundmäßig wird hier bekanntes Terrain erkundet.

„Gone With The Wind“ ist der Oberhammer. Eine großartige Ballade, bei der Gioeli ein gesangliches Meisterstück abliefert. Pell spendiert ein traumhaftes Solo dazu und fertig ist ein musikalischer Diamant, den es sich zu entdecken lohnt. Die zweite Ballade „Fly With Me“ gefällt mir auch, hat jedoch gegen die Dramatik und die Epik von „Gone With The Wind“ keine Chance. Für alle, die gegen das Tempolimit 130 km/h sind, hat Pell „Follow The Beast“ geschrieben. Hohe Spritpreise, Blitzanlagen oder ein drohendes Fahrverbot dürfen einen hier nicht abschrecken, hier geht es voll auf die Zwölf.

„Rise Of Angkhoor“ ist ein klassisches Instrumental im Blackmore’schen Stil, das zum Titelsong „Lost XXIII“ überleitet. Hier geht die Blackmore-Verneigung weiter. Mächtige Gitarren und ein starker orientalischer Einschlag erinnern einmal mehr an den „Mann in Schwarz“. Der wuchtige Stampfer steigert sich zum Ende hin in schier endlose Weiten, in denen Pell und seine Truppe sich förmlich in einen Rausch spielen. Da wummert die Orgel, da brummelt der Bass, Pell soliert wie ein Weltmeister – genau so muss das sein.

Es ist durchaus wohltuend, wenn man in der Zeit der schlechten Nachrichten auch bewusst positive Dinge wahrnimmt. Gewisse Regelmäßigkeiten, Beständigkeit und gleichbleibende hohe musikalische Qualität sind dabei äußerst wohltuend. Genauso verhält es sich bei mir mit dem vorliegenden Album. Axel Rudi Pell haben eine bockstarke Mannschaftsleistung abgeliefert und zeigen, dass man mit ihnen nach wie vor rechnen muss. Und es wird Zeit, dass man sich auch wieder mehr um die Kultur kümmert, die in den vergangenen zwei Jahren häufig ganz brutal zurückstecken musste. Auch bei Axel Rudi Pell dürfte sich das negativ bemerkbar gemacht haben, da seine Band auf dem Live-Sektor normalerweise fleißig unterwegs ist. Für 2022 und 2023 gibt es bereits etliche Live-Termine, bei denen man die Klassiker und Stücke des neuen Albums live serviert bekommt. Ich hoffe sehr, dass die Auftritte durchgeführt werden können!

So Leute, und jetzt: Runter vom Sofa, Metalshirt an und ab in den nächsten Club in eurer Nähe! Sorgen wir gemeinsam dafür, dass 2023 nicht wie beim Titelstück des Albums ein weiteres „Verlorenes Jahr“ für uns Musikfreunde wird.

 

Trackliste:
1. Lost XXIII Prequel (Intro)
2. Survive
3. No Compromise
4. Down On the Streets
5. Gone With The Wind
6. Freight Train
7. Follow The Beast
8. Fly With Me
9. The Rise Of Ankhoor
10. Lost XXIII

 

 

Review von Gastautor STEFAN GRAßL

 

4.5