Die Arctic Monkeys sind der wahr gewordenene Traum aller Indieliebhaber. Der Song „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ avancierte zur Hymne einer Generation und ist auch heute von keiner Indieparty wegzudenken. Nach fünf Jahren Pause sind die jungen Herren aus Sheffield wieder zurück. Ohne große Promo, ohne Singleauskopplung, ohne großes Tamtam. Als ich die ersten Töne des neuen Albums hörte, war ich verwundert, vielleicht auch ein bisschen geschockt. Sind das wirklich die Arctic Monkeys?

Doch als ich Alex Turners Stimme hörte, war ich beruhigt, wenigstens die Stimme war gleich geblieben. Die erste Zeile, die Alex Turner singt, heißt „I Just Wanted To Be One Of The Strokes, now look at the mess you made me make“. Anscheinend will er gar nicht mehr der sein, zu dem er gemacht wurde. The Strokes galten damals als die großen Vorbilder der Arctic Monkeys, die Band um Julian Casablancas ist allerdings irgendwann von den vier Briten in Sachen Erfolg überholt worden.

Alex Turner hat schon in seinen Nebenprojekten bewiesen, dass er auch anders kann. So erinnert seine Band The Last Shadow Puppets, welche er mit Miles Kane gegründet hat, an frühere Sachen von David Bowie und ist somit ganz anders als alles, was er je mit den Arctic Monkeys veröffentlicht hat.

Auch „Tranquility Base Hotel and Casino“ wirkt wie ein Soloprojekt von Alex Turner, in seinen Texten suhlt er sich in Traurigkeit, zum Beispiel besingt er sich als „big name in a big space“ („Star Treatment“). Aber „Tranquility base hotel & Casino ist kein Soloprojekt, das darf man nicht vergessen. Bereits der Albumtitel ist ungewöhnlich lang, irgendwie sperrig, Inhalt und Titel passen also zusammen. Das Album entstand teilweise in L.A., die Songs erinnern an Hollywood der 50er und 60er Jahre und es ist der perfekte Soundtrack für die große Tristesse gefallener Stars.

Ich konnte das Album erst beim zweiten Hören richtig „genießen“, denn zuvor war ich überfordert von zu viel Musik. Ja, anscheinend geht das.

Es wirkt, als hätten die Musiker versucht, möglichst viele Ideen in elf Songs zu pressen, mit der Folge, dass der Hörer das Gefühl hat, als würde er von zu vielen Tönen, Backing-Vocals und Instrumentals erdrückt.

Der neue Sound ist loungig, jazzig. Es gibt keinen Song zum Mitgrölen, keine wirklichen Hits. Zu Tranquility Base Hotel & Casino sieht man sich viel mehr an einer einsamen Hotel-Bar als auf einem Festival mit Chelsea Boots und Jutebeutel durch den Schlamm springen.

Trotzdem hat man sich irgendwann an den verkopften, düsteren Sound und die psychedelischen Instrumetals gewöhnt und kann das Album in einem Rutsch hören.

InOne Point Perspective“ oder auch „Golden Trunks“ tauchen zwischendurch wieder Gitarrenklänge auf, die dann aber ganz schnell wieder gegen Keyboard und Klavier ausgetauscht werden. Generell scheint die Gitarre keine große Rolle mehr für die Band zu spielen, die Klavierklänge überwiegen.

Mit „Tranquility Base Hotel and Casino“ werden die Arctic Monkeys sicher nicht die großen Massen ansprechen, wahrscheinlich war das auch gar nicht so gewollt. Jede Band entwickelt sich weiter, wird älter. Aber hat sich der Sound der Briten nicht immer schon von Album zu Album verändert? Mit 30 muss man vielleicht nicht mehr die Indie-Götter mimen, man hat lange genug der breiteren Masse gefallen, gut Geld verdient und kann jetzt einfach das machen, worauf man Lust hat. Und das gefällt mir an dem Album. Es ist unerwartet, vielleicht ein bisschen sonderbar. In jedem Fall ist es mutig.

Arctic Monkeys - Tranquility Base Hotel & Casino (Domino Records, 11.05.2018)
4.0Gesamtwertung