Die Posthardcore-Formation Svalbard aus Bristol dürfte langsam aber sicher dem einen oder anderen Hardcore-Liebhaber ein Begriff sein. Nach einigen selbstveröffentlichten und –vertriebenen Veröffentlichungen hat es das Quartett zum mittlerweile sehr angesagten, britischen Label Holy Roar Records gezogen. Nach meinem Gespräch mit Thomas und Marc von The Tidal Sleep im Bielefelder AJZ, hatte ich im Anschluss die Möglichkeit mit Gitarristin und Sängerin Serena über den Werdegang von Svalbard, atmosphärische Musik und die Problematik der Unterrepräsentation des weiblichen Geschlechts in der Hardcore-Szene zu sprechen.

Björn:
Hey Serena, ihr seid zum ersten Mal hier, ist das richtig?

Serena:
Ja, wir waren hier noch nie und sind total überwältigt. Der Laden hier ist unglaublich. Es wird sich so liebevoll um einen gekümmert, man bekommt gutes Essen und jeder ist freundlich zu dir. Man merkt, dass es allen hier wirklich um eine gute Show und um die Gemeinschaft und die Musik geht. Wir werden sonst selten so gut behandelt. Man merkt, dass es von allen Beteiligten um aufrichtigen Support ohne ökonomische Interessen geht.

Björn:
Also freut ihr euch schon auf die Show gleich?

Serena:
Absolut, obwohl ich ein bisschen geknickt bin, weil meine Stimme Probleme macht. Je älter ich werde, desto schwieriger wird es, jeden Abend wieder zu schreien. Ich habe früher in einer Black Metal Band gespielt, da musste ich die ganze Zeit durchschreien. Das war nie ein Problem, aber in den letzten zwei Jahren merke ich immer mehr, wie die Stimme mich verlässt.

Björn:
Vielleicht liegt es ja auch daran, dass das unterschiedliche Schreistile sind?

Serena:
Definitiv. Im Black Metal macht man mit seiner Stimme einfach nur irgendwie Krach und komische Geräusche, haha. In dieser Band ist es sehr anstrengendes, emotional aufgeladenes Geschrei.

Björn:
Habt ihr schon ein Paar kulturelle Unterschiede zwischen Briten und Deutschen feststellen können auf dieser Tour?

Serena:
Definitiv. Das fällt besonders in der Öffentlichkeit auf: Hier scheint ein höheres Maß an Respekt zu herrschen als bei uns. Die Leute belehren sich nicht ständig untereinander. Jeder ist sehr direkt und ehrlich. In England hast du das oft, dass Leute nur nett zu dir sind, wenn sie etwas von dir wollen. Und häufig wird dabei auch um den heißen Brei herum geredet. Hier sagen dir die Leute ihre ehrliche Meinung. Wenn etwas nicht so gut war, bekommst du keine falschen Komplimente, sondern die Leute benennen das offen und ehrlich. Und das mag ich, weil du dann das Gefühl bekommst, dass die Leute ihre aufrichtige Einschätzung abgeben. Das ist eine viel gesündere Art von Kommunikation, weil du dann weißt woran du bist.

Was die Shows angeht: Wir werden hier so gut behandelt. Alle geben sich wirklich Mühe, damit wir uns gut fühlen. Das vegane Essen ist mit Liebe gemacht, um die Kulturzentren wird sich gut gekümmert, da steckt überall so viel leidenschaftliche Arbeit dahinter, das kennen wir im Vereinigten Königreich gar nicht. Da sind die Leute der Meinung, dass man froh sein soll, überhaupt spielen zu dürfen. Auf dieser Tour kommen auch viel mehr Leute zu den Shows, aber ich denke, das liegt sicherlich auch an The Tidal Sleep.

Björn:
Ja, die haben sich hier eine recht große Fanbase erspielt und werden von vielen geliebt und respektiert.

Serena:
Das hatten wir gar nicht so realisiert. Ich kann jetzt aber absolut verstehen, warum das so ist. Die hauen mich jede Nacht aufs Neue um. Die sind unglaublich gut.

Björn:
Kennst du noch andere Bands, die heute spielen?

Serena:
Ja, also nicht persönlich, aber ich habe Svffer letztes Jahr auf dem Fluff Fest gesehen und mir sofort alles was sie an Merch dabei hatten gekauft. Ich freue mich, sie heute Abend wieder zu sehen, die waren so gut auf dem Fluff.

Björn:
Erzähl mir doch ein bisschen was über eure Anfänge und wie Svalbard entstanden ist?

Serena:
Also: Liam und ich haben früher als Thrash Metal Duo gespielt. Wir haben uns damals überhaupt nicht ernst genommen. Er hat eigentlich in einer Deathcore Band gespielt und ich in einer Black Metal Band. Das Duo war eigentlich nur ein Spaßprojekt abseits von unseren ernst gemeinten Bands. Irgendwann haben wir dann aber angefangen, verschiedene Riffs zu schreiben, die in eine andere Richtung gingen und atmosphärischer waren. Das war der Anfang von Svalbard. Mark, unser Drummer, hat mit seiner Band im gleichen Studio wie wir geprobt. Als wir ihn im Nebenraum haben spielen hören, wollten wir ihn unbedingt in der Band haben. Wir haben ihm eine Demo gegeben und daraufhin ist er eingestiegen. Wir hatten seitdem eine ganze Reihe verschiedener Bassisten in der Band und haben lange Zeit nach einem Sänger gecasted, weil ursprünglich weder Liam noch ich Gesang machen wollten. Wir haben aber einfach keinen passenden gefunden und da wir beide sowieso die Texte schreiben, dachten wir uns irgendwann, dass wir uns die Gesangsparts dann ja vielleicht einfach teilen könnten.

Björn:
Also kommt ihr alle eigentlich mehr aus einem Metal-Background?

Serena:
Ursprünglich schon, ja, aber wir haben grundsätzlich auch sehr verschiedene Musikgeschmäcker. Ich merke immer wieder, dass ich teilweise ganz andere Sachen höre, als ich spiele. Ich habe lange in einem Plattenladen gearbeitet und alles Mögliche für mich entdeckt: Dark Folk, Alternative Country, aber auch skandinavischen Metal. Das ganze cheesige Zeug, sowas wie Children Of Bodom. Liam geht da viel mehr in die Hardcore-Richtung.

Björn:
Ihr habt sehr DIY-ish angefangen und seid mittlerweile auf Holy Roar Records gelandet. einem durchaus renommierten Hardcore-Label. Wie ist der Deal zustande gekommen und was hat sich seitdem für euch verändert?

Serena:
Wir gehörten nicht zu den Bands, die versucht haben, über Emails und Demotapes an das Label ranzukommen. Wir haben eine Show mit Pariso (eine der Bands von Holy Roar-Gründer Alex Fitzpatrick) gespielt und uns so kennen gelernt, auch weil wir unsere Bands gegenseitig gut fanden. Daraufhin sind wir Freunde geworden, haben zusammen getourt und eine Split aufgenommen. Als wir Alex dann erzählt haben, dass wir dabei sind ein Album zu schreiben, hat er angeboten, es über sein Label rauszubringen. Und seitdem es draußen ist, ist das öffentliche Interesse an uns definitiv gewachsen. Im Kerrang zu erscheinen, ist zum Beispiel total komisch.

Björn:
Derzeit gibt es ja recht viele Bands, die diesen melodischen und atmosphärischen Hardcore-Ansatz verfolgen. Was denkst du, ist der Grund für den Erfolg einer solchen Strömung?

Serena:
Ich denke, dass diese postrockartigen Klangflächen eine cinematische, emotionale Qualität besitzen, die sich sehr gut mit der Intensität des Hardcore-Genres verbinden lassen. Die Mischung aus dem aggressiven Geschrei und den schimmernden, endlos wiederhallenden Gitarren erschafft eine perfekte Balance aus Schönheit und Intensität. Ich liebe Bands wie MONO oder Explosions In The Sky und das beeinflusst natürlich auch meine Art zu Spielen. Bei einer Band wie The Tidal Sleep siehst du, wie gut das funktionieren kann, die klingen auch so groß und weit und die Atmosphäre der Songs nimmt dich mit auf eine Reise. Das fügt Hardcore einfach nochmal eine zusätzliche Ebene hinzu und macht alles noch bewegender.

Björn:
Meine letzte Frage beschäftigt sich mit Geschlechterrollen im Hardcore: Die drei Jungs und du als Mädel habt mit Svalbard nie einen großen Deal daraus gemacht, eine gemischtgeschlechtliche Band zu sein. Ihr habt euch auch nie ein Female-Fronted oder –whatever Label auf die Fahnen geschrieben, was ich persönlich sehr gut finde. Wie erlebst du als Mädel die Hardcore Szene. Denn es ist ja schon so, dass tendenziell mehr Jungs in Hardcore Bands spielen und die Mädels aus irgendeinem Grund total unterrepräsentiert sind, oder? Womit denkst du hängt das zusammen?

Serena:
Ich denke das liegt daran, dass du als Mädel viel mehr hinterfragt wirst wenn du in einer Hardcore-Band spielst. Als ich Psychologie studiert habe, haben wir auch über Theorien des Sozialwettbewerbs gesprochen. Eine davon besagt, dass sich der Mensch kulturelle Subgenres sucht, in denen er seine Fähigkeiten optimal entfalten kann. Computeraffine Menschen fühlen sich in digitalen Subkulturen am besten aufgehoben, während Musikliebhaber sich ihre musikalisch-kulturelle Nische suchen, in der es sehr wichtig ist, genau über so viele Bands wie möglich Bescheid zu wissen. Das gilt insbesondere für die Hardcore-Szene, in der physische Stärke und das Wissen um die unbekannteste DIY-Band von zentraler Bedeutung zu sein scheinen. Hardcore ist eine sehr kompetitive Kultur und wenn du in dieses Bild nicht hereinpasst, dann wirst du sofort hinterfragt. Hier auf den Deutschlandshows ist es zwar nicht ganz so intensiv gewesen, aber grundsätzlich werde ich auf jeder Show gefragt, ob ich die Freundin eines Bandmitglieds wäre oder was ich hier zu suchen hätte. Oder die Leute fragen, warum ich überhaupt in einer Band spiele.

Was auch gerne mal passiert, ist, dass Leute im Internet unsere Videos kommentieren mit Statements wie „Das Mädel in der Band sieht aber nicht so heiß aus wie die Sängerin von Arch Enemy oder von Epica“. Die Sängerin von Epica ist eine Opernsängerin, was habe ich denn mit der zu tun. Sie macht ganz andere Musik als ich. Das Problem ist, dass, sobald die Leute ein Mädel sehen, du sofort in eine Schublade mit allen anderen Mädels geworfen wirst. Egal ob du etwas Vergleichbares machst oder nicht. Und dann wirst du auch nur nach deinem Aussehen beurteilt.

Björn:
Was letztlich purer Sexismus ist.

Serena:
Richtig. Und was mich besonders traurig macht, ist, wenn du auf Veranstaltungen kommst und überall Anti-Sexismus-Aufkleber prangen: Als ich auf dem Fluff war, hat jeder Typ mit dem ich im Publikum stand sich nur darüber unterhalten, wie heiß die Sängerin einer Band ist. Ich würde es so hassen, wenn ich spiele und alles, was die Jungs im Publikum interessiert, ist, ob ich attraktiv bin oder nicht. Darum sollte es nicht gehen. Ich schreie und spiele Gitarre. Warum kann man mich nicht danach beurteilen, anstatt nach dem Aussehen oder meinem Geschlecht? Wir haben einen Song namens „Expect Equal Respect“ in dem es darum geht, jeden als Menschen zu respektieren und aufzuhören, auf den Unterschieden rumzuhacken und stattdessen die Gemeinsamkeiten zu suchen. Der Song richtet sich aber auch gegen all die Bands, die sich ein Female-Fronted-Label auf die Fahnen schreiben und das Mädel in der Band in den Vordergrund stellen. Das ist so zynisch, weil du mit ihrem Geschlecht wirbst. Und das hat gar nichts mit deinem Sound zu tun. Das wird nur gemacht, um Verkaufszahlen anzukurbeln. Und ich denke, das hilft einfach nicht weiter, wenn Bands das Mädel so in den Vordergrund stellen und eine große Sache daraus machen. Wenn ich eine Show spiele, möchte ich genau wie jedes andere Bandmitglied auch behandelt werden. So wie auch ich alle anderen Bandmitglieder gleich behandle.

Es ist schon so oft passiert, dass nach einer Show Mädels zu mir angekommen sind und meinten, sie fänden es so toll, dass ich auch ein Mädel bin. Naja, dafür habe ich aber nicht jahrelang geübt. Da habe ich doch gar keinen Einfluss drauf gehabt. Und das ist dann so schwierig, weil ich ja auch nicht zugeknöpft oder unfreundlich sein möchte in so einer Situation. Ich bin dann immer höflich aber ich würde den Leuten eigentlich viel lieber antworten: „Denkt doch mal darüber nach, was ihr hier eigentlich sagt. Ihr fandet die Songs nicht gut, ihr wollt eh kein Album von uns haben und ihr interessiert euch nicht mal für unsere Band. Ihr findet einfach nur die Tatsache toll, dass ich ein anderes Geschlecht habe“. Und das ist so frustrierend. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, auch keine große Sache daraus zu machen, dass wir drei Jungs und ein Mädel sind. Wir wollen, dass sich die Leute für unsere Musik interessieren.