The Tidal Sleep sind im Bereich atmosphärischer, harter Musik nicht nur bei uns zu Lande, sondern auch international, durch einen hohen Output und unermüdliches Touren, zu einer Institution geworden. An der Schnittstelle von Hardcore und Postrock, bietet das Quintett zwischen Wutausbrüchen und verträumten Klangflächen ein breites Spektrum an Sounds, die ein internationales Publikum zu begeistern vermag und die fünf sympathischen Jungs mit an die Speerspitze einer musikalischen Bewegung propellierte, die mit dem bandeigenen Dogma „Volume. Delay. Reverb“ recht treffend beschrieben werden kann. Ich hatte die Gelegenheit, mich ein wenig mit Bassist Thomas und Gitarrist Marc vor ihrer gemeinsamen Show mit Svalbard im AJZ Bielefeld zu unterhalten.

Björn:
Hey ihr beiden, vielen Dank, dass ihr euch Zeit nehmt, ein bisschen mit mir zu schnacken.

Thomas:
Gern doch, kein Problem.

Björn:
Normalerweise seid ihr ja weit über die Republik verstreut, jetzt wo ihr alle zusammen auf Tour seid, wie ist die Stimmung?

Marc:
Die Stimmung ist sehr gut, die Tour ist super, alle verstehen sich total gut.

Björn:
Kanntet ihr die Svalbard-Leute im Vorhinein?

Thomas:
Ich kenne ihren Ex-Bassisten, aber vom jetzigen Line-Up niemand. Wir haben uns dann ab Freiburg (Erster Tourstopp) kennen gelernt. Die sind spitze.

Marc:
Wir haben letztes Jahr zusammen auf einem Festival gespielt und fanden die dann direkt ziemlich gut. Daraus entstand dann die Idee, doch mal zusammen was zu machen und auf dieser Tour hat das dann jetzt geklappt.

Björn:
Ihr wart schon öfters hier im AJZ, was lockt euch immer wieder ins langweilige Bielefeld?

Thomas:
Naja, es ist ja überregional bekannt, dass es hier sehr gut ist. Hier passiert einfach viel.

Marc:
Ich kenne den Laden auch schon seit Ewigkeiten und wenn man sich hier mal die Posterwand ansieht, merkt man schon, wie viele großartige und wichtige Bands hier durchgekommen sind.

Thomas:
Die Leute sind auch einfach sehr nett und wollen uns auch immer wieder gerne hier haben. Kümmern sich immer sehr lieb. Es gibt gutes Essen.

Björn:
Und wie kommt ihr mit dem, manchmal etwas apathischen, ostwestfälischen Publikum zurecht?

Thomas:
Naja, wir sind ja eher eine Band, bei der man vielleicht die Augen zu macht und ein bisschen mitwippt. Es gibt bei uns generell keine großen Ausraster im Publikum.

Marc:
Ich glaube auch, dass das stilbedingt ist.

Thomas:
Es gibt wirklich keinen Unterschied zu Stuttgart oder München oder so.

Björn:
Was für eine Kombination an Menschen seid ihr in der Band?

Thomas:
Eine sehr komplexe haha. Wir sind schon eher sehr unterschiedlich. Das fängt bei Musikgeschmack an und hört bei Humor auf. Trotzdem verstehen wir uns alle sehr gut. Aber man kann durchaus sagen, dass wir ziemlich zusammengewürfelt sind.

Marc:
Auf der ersten Tour, bei der ich dabei war, ist mir auch genau das aufgefallen. Zwar sind alle sehr unterschiedlich, aber trotzdem gibt es sehr viel Harmonie und es lässt sich immer ein gemeinsamer Nenner finden.

Thomas:
Das klingt jetzt vielleicht schrecklich, aber es stimmt einfach: Wir sind sehr erwachsen in unserer Kommunikation. Wenn jemandem was nicht passt, wird es sofort angesprochen. Es gibt keine Kindereien mehr, wie das vielleicht früher in unseren ehemaligen Bands noch war.

Björn:
Das passt sehr gut zu meiner nächsten Frage: Wie haltet ihr den ganzen Laden am Laufen, obwohl ihr über die ganze Republik verstreut seid. Ist das nicht dann schwierig, zu proben, neue Musik zu schreiben und auch immer wieder weitere Wege auf sich zu nehmen?

Marc:
Wichtig ist, Dinge gut und weit im Voraus zu organisieren. Wir bekommen manchmal Anfragen, ob wir in drei Wochen irgendwo spielen können. Wenn das nicht durch Zufall gerade total gut zusammenpasst, müssen wir dann leider meistens ablehnen, einfach weil wir es nicht so spontan planen können. Das ist sehr viel logistischer Aufwand, der aber machbar ist, wenn alles ordentlich geplant wurde. Der An- und der Abreisetag sind meistens am kritischsten.

Thomas:
Wir proben dann halt auch nicht an einem Mittwochabend für ne Stunde. Wenn wir alle zusammenkommen, dann proben wir auch 2-3 Tage lang durch. Von morgens bis abends.

Marc:
Wir sind dann sehr diszipliniert, vor allen Dingen, was Songs schreiben und Arbeitsweisen angeht.

Thomas:
Wir sind sehr digital geworden. Jeder macht zu Hause Songs und schickt sie rum.

Björn:
Also greift ihr auf die Vorteile der digitalen Medien, wie man so schön sagt, zurück?

Marc:
Die machen vieles einfacher. Auch in dem Sinne, dass du nicht im Proberaum stehst und auf einmal aus dem Nichts etwas erschaffen musst, sondern die Zeit hast, das erstmal alleine zu Hause vorzubereiten. Und es ist erstaunlich, wie gut das dann funktioniert.

Björn:
Was hat euch zu der Musik, die ihr macht, inspiriert? Seht ihr euch eher als Hardcore- oder eher als Postrock-Band?

Thomas:
Der Initiativgedanke der Band war schon, etwas Melodiöses mit viel Hall auf den Gitarren mit Härte zu vermischen. Atmosphärische Gitarren begleitet von Geknüppel war der ursprüngliche Gedanke, der sich dann immer weiter entwickelt hat.

Marc:
Wir sind schon irgendwo in diesem Hardcorebereich unterwegs. Der ist ja aber mittlerweile auch so breit gefächert, dass man uns durchaus da irgendwo unterbringen kann.

Thomas:
Was wir auf jeden Fall nicht machen, ist Modern Hardcore.

Björn:
Die Balance aus Hardcore und Postrock war aber schon etwas, dass euch von Anfang an ausgemacht hat, oder?

Thomas:
Die Härte kam am Anfang eigentlich von Nicolas, unserem Sänger. Der will ne harte Band haben und das ist auch ok so, das ist richtig so. Die Härte bei uns kommt vom Gesang, vom Schlagzeug und vom Bass. An den Gitarren ist eigentlich gar keine Härte. Und das funktioniert für uns supergut.

Björn:
Als ich eure erste Scheibe zum ersten Mal gehört habe, hat mich das irgendwie an alles was Envy nach der „Dead Sinking Story“ gemacht haben, erinnert.

Marc:
Ja, definitiv.

Thomas:
Einer der wenigen, großen, gemeinsamen Nenner bei uns, ist Envy.

Marc:
Witzigerweise aber auch verschiedene Phasen. Für mich persönlich ist das Album vor der „Dead Sinking Story“, also die „All The Footprints…“, ihr größtes Meisterwerk, für die Anderen glaube ich alles danach. Trotzdem können wir uns auf diese Band einigen. Immer wieder großartig und lief heute noch im Van.

Björn:
Wie seid ihr ursprünglich zum Musikmachen gekommen? Habt ihr noch Erinnerungen an eure ersten Gehversuche?

Thomas:
Ich hab als Kind einen Film mit Elvis gesehen und wollte danach Gitarre spielen. Das war die Initialzündung. Da war ich vielleicht 7 oder 8. Die erste Show habe ich dann mit 12 gespielt, aber nur Coversongs. Damals war das dann so, du bist mittags ins Juz gefahren und der Aufbau hat drei Stunden gedauert und der Abbau auch. Nachts ist man dann irgendwann fertig gewesen. Und das war das absolute Highlight für uns alle drei Monate oder so.

Marc:
Ich habe mit Freunden angefangen mit Akustikgitarre Musik zu machen und irgendwann wurde dann ne Band draus. Damals waren wir vor einem Gig noch total aufgeregt und alles war chaotisch. Heute sind wir wesentlich organisierter bei der Sache.

Thomas:
Ich war sonst immer megaschüchtern aber beim Gitarre spielen war ich nie aufgeregt. Das war angenehm und deswegen habe ich es wahrscheinlich auch immer weiter gemacht.

Björn:
Jetzt, wo ihr schon so oft auf Tour wart und viele Erfahrungen sammeln konntet: Was macht für euch eine gute Live-Show aus? Was ist euch wichtig?

Marc:
Dass alle Spaß haben. Mir macht es immer am meisten Spaß, wenn ich sehe, dass es allen anderen auch so geht. Und das haben wir auf dieser Tour meiner Meinung nach jeden Abend geschafft.

Thomas:
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen esoterisch, aber ich mag solche Flow-Momente am liebsten, wo man während des Spielens des Instruments merkt, dass man gerade ganz woanders ist. Das genieße ich sehr. Wenn alles einfach nur noch fließt.

Björn:
Was habt ihr für The Tidal Sleep als nächstes in Planung?

Marc:
Wir schreiben gerade an einem neuen Album und hoffen, dass wir das nächstes Jahr dann rausbringen können.

Thomas:
Das Studio ist ab November gebucht, bis dahin ist die Platte hoffentlich fertig.

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