Andreas „Kanzler“ Kohl ist eigentlich kein Typ, der dafür bekannt ist, sich selbst zu beweihräuchern. Aber im April feiert er sich selbst (mehr zur den offiziellen Feierlichkeiten in Leipzig hier). Nein falsch, eigentlich wird sein Label und die Bands, die dort ihre Musik veröffentlicht haben und die alle miteinander über die Jahre eine Art Familie geworden sind, wird gefeiert. Vor zwanzig Jahren, genau gesagt am 1. April 1999 wurde Exile On Mainstream Records auf dem Papier gegründet. Anfangs vielleicht mit gar keinen so ernsten Hintergedanken, wurde der Netzwerker, Promomann und Musik-Journalist (Persona Non Grata, Visions, mittlerweile MINT Magazin) über die Jahre zum Plattenfirmenchef.

Mit seiner Frau Beate und ihrer gemeinsamen Tochter Johanna lebt er südwestlich von Berlin und lässt jedes Jahr zahlreiche besondere musikalische Ergüsse auf die Menschheit los, welche stilistisch weit gefächert sind – von Doom/Sludge, über Noise, Postrock, Prog, Alternative und Klangexperimenten, bis zu Singer/Songwriter-Stoff. Seit einigen Jahren ist er fester Mitarbeiter in der Vinyl-Herstellung von Optimal Media. Und damit mittendrin, wenn es um dieses zeitlose Musikmedium geht. Da ich schon seit vielen Jahren Kontakt mit Andreas pflege und die Musik, welche er unter seinem Dach veröffentlicht sehr schätze, war es eine Ehrensache, mal auf die letzten beiden Jahrzehnte Exile On Mainstream zurück zu blicken. Einmal in Form dieses ausführlichen Interviews, an anderer Stelle habe ich mir (ganz subjektiv) zehn Veröffentlichungen der letzten Jahre heraus gegriffen. Auch ein guter Start für Neulinge ins Labeluniversum. Viel Spaß beim Lesen!

 

Lieber Andreas, 20 Jahre in dem Business bestehen zu können, das zeugt von einem ganz schönen Durchhaltevermögen. Aber schauen wir mal zurück ins Jahr 1999. Bei EOM fing es ähnlich an wie bei einem Genre-Primus wie Nuclear Blast: mit der Lust darauf ein paar Vinyl-Singles zu veröffentlichen. Allerdings hatten wir nicht mehr 1989 und die schöne neue Musikwelt war kurz davor dank MP3 ihre „Unschuld“ zu verlieren. Schien Dir das nicht selbst ein wagemutiges Unterfangen mehr oder weniger blauäugig ein Label zu gründen?

Zum Thema Wagemut: Als ich mit EOM angefangen habe, diskutierte tatsächlich die ganze Welt über MP3, genauso wie sie es fünfzehn Jahre vorher über Musikkassetten getan hatte und heute wieder tut – über Streaming. Sicher, die Verkaufszahlen sind drastisch eingebrochen und du kannst heute Haus und Hof verlieren mit einem Label. Wenn ich sehe, wie begeistert Fans heute Platten auf unseren Konzerten kaufen, will ich daran dann aber doch nicht so richtig glauben. Davon abgesehen, war die Idee eines Labels für mich nie nur eine betriebswirtschaftliche. Es ging mit gleicher, vielleicht sogar höherer Wertigkeit darum, ein Netzwerk oder, besser, eine Art Familie zu schaffen. Ich hänge einfach gerne mit Musikern rum. Dafür brauchte es nicht wirklich Wagemut.

 

Es gab also auch keine Art Fünf- oder Zehn-Jahres-Plan?

Nein, es hat nie einen Plan gegeben. Ich würde mich prinzipiell als sehr zielstrebigen und gut organisierten Menschen beschreiben, aber in diesem Fall gab es wirklich keinen Plan. Es ist einfach immer weitergegangen. Vor ein paar Jahren hatte ich allerdings mal den Vorsatz gefasst, etwas kürzer zu treten, nicht mehr so viel zu machen und das Label aus Zeit-und Kapazitätsgründen drastisch runterzufahren und evtl. ganz auslaufen zu lassen. Dieser Plan hat, wie man sieht, nicht funktioniert und zeigt dann doch wieviel Sinn Planung macht.

 

Die erste Veröffentlichung war eine 7“-Single der Rockband Payola. Richtig los in Sachen Veröffentlichungen ging’s allerdings erst mit ihrem Debütalbum „For Those Who Know“ ein gutes Jahr später. War Dir da schon klar, dass das Ganze was Größeres werden könnte und Du auf lange Sicht Bock darauf hast?

Nein. Da noch nicht. Ich war mit den Jungs befreundet und von den Sessions der „For Those Who Know“, die ja eigentlich bei Loudsprecher Records aus Hannover erschien, waren noch vier Songs übrig. Und da hatten wir die bierselige Idee, eine 7inch-Schallplatte zu machen – ein Format, was damals außerhalb von Techno und Garage Rock und Soul niemanden mehr interessierte. Ich hab mich darum gekümmert und damit das schön professionell aussieht, haben wir so getan, als stünde ein Label dahinter. Später kam dann „For Those Who Know“ bei uns auf Vinyl raus, obwohl es immer noch eine Loudsprecher-Platte ist. Und dann ging‘s irgendwie weiter.

Bis heute ist es eigentlich immer derselbe Auslöser für eine Veröffentlichung: irgendjemand muss das rausbringen. Also machen wir das eben. So einfach. Heute ein Label betreiben, erfordert so viel Kenntnis von Strukturen und Sachzwängen und ist teilweise so ein krasser administrativer Aufwand, dass sich das eigentlich permanent so anfühlt, als würde man das jeden Tag neu gründen. Zig Excel-Sheets ausfüllen für Anmeldungen bei Vertrieben und Bestellsystemen, GVL, GEMA, Verpackungsrichtlinie, Digitalvertrieb, Instant Gratification Tracks bei iTunes. Jedes Jahr kommt was Neues dazu, was deinen administrativen Aufwand erhöht. Nicht falsch verstehen, das ist alles okay, aber es fühlt sich halt immer so an, als ob du gerade angefangen hast.

 

 

Mit Veröffentlichung Nummer 13 (was für eine passende Zahl!) konntest Du erstmals ein richtiges Szeneoriginal in Deinem Portfolio begrüßen. Es war das Debütalbum der neuen Band einer Underground-Legende: The Hidden Hand von Wino. Das muss sicher etwas Besonderes für Dich gewesen sein. Wie kam das zustande?

Das war und ist was Besonderes, keine Frage. Die Geschichte, dass ich mir nach dem Mauerfall vom Begrüßungsgeld eine Saint-Vitus-Platte gekauft hab, ist ja mittlerweile bekannt. Als ich dann 1999 den Promotionjob für Spirit Caravan übernommen hatte, habe ich Wino das erste Mal getroffen. Meine Hände waren schweißnass. Ich war so ein richtiger Fanboy. Daraus hat sich dann relativ schnell eine Freundschaft entwickelt. Wino mochte die Sachen, die wir auf dem Label gemacht haben und als er Hidden Hand gegründet hatte, fragte er mich, ob ich das rausbringen wollte. Natürlich wollte ich.

 

Der Kontakt riss danach aber nicht ab und resultierte in seinem Soloalbum „Adrift“ und dem Aufeinandertreffen mit Singer/Songwriter Conny Ochs, welche für Dich auch immer wieder Artwork-Jobs erledigt.

Die Idee, dass er mit „Adrift“ ein Akustikalbum veröffentlicht, kam dann auch sogar von mir. Kurz nach der VÖ von „Punctuated Equilibrium“, seiner ersten Soloplatte mit JP Gaster von Clutch an den Drums, hab ich das vorgeschlagen. Zur damaligen Zeit waren Touren ziemlicher Aufwand und ich hab einfach ganz pragmatisch vorgeschlagen, dass er das doch einfach mal versuchen soll. Seine Songs sind intensiv und sehr persönlich, sie würden sich in so einem reduzierten Sound großartig machen und man könne so ein Programm relativ leicht auf die Straße bringen: eine Gitarre, ein PKW, kein Produktionsstress, in Cafés und Bars spielen. Und so ist es dann passiert. Conny Ochs hatten wir ungefähr zur selben Zeit kennengelernt und ich hab ihn einfach gefragt, ob er das Auto auf der Wino-Tour fahren will. Das hat er auch gemacht und der Rest ist nun Geschichte. Die beiden haben sich so gut verstanden, dass sie schon nach ein paar Tagen zusammen gespielt haben. Mittlerweile ist Conny Ochs für uns so etwas wie ein Art-Director geworden. Sein Stil hat die Ästhetik des Labels vor allem in den letzten Jahren nachhaltig geprägt. Wir sind, trotz aller Unterschiedlichkeit, verwandte Seelen. Immer wenn ich ihn frage, ob er was für uns designen kann, kommt etwas raus, das bei mir sofort zündet – manchmal, weil es das abbildet, was ich mir so im Nebel vorgestellt habe, aber viel öfter wie eine Antwort auf eine Frage, die ich selber nicht zu finden imstande bin.

 

Eine durchgehende musikalische Linie gibt es bei Dir nicht, was etwas ungewöhnlich ist, sind die meisten Labels doch darauf bedacht, eine bestimmt Klientel zu bedienen. Deswegen ist jede neue Veröffentlichung bei Dir eine Überraschung. Ist es gerade Dein Konzept, kein Konzept zu haben?

Oh doch, es gibt ein Konzept und das halte ich für das beste der Welt: Wenn mir etwas gefällt und ich der Meinung bin, dass ich die Musik ordentlich präsentieren und promoten kann, dann kommt das raus. Es schwingt auch immer die Frage bei der Entscheidung mit: Wer sonst sollte das veröffentlichen, wenn nicht wir? Wir tragen keine musikalischen Scheuklappen und sind kein Sound-orientiertes Label, was es manchmal vielleicht etwas schwierig macht, weil man uns eben nicht einordnen kann. Jemand, der Place Of Skulls mag wird vielleicht nicht automatisch auf so etwas wie A Whisper In The Noise aufmerksam werden, aber das nehmen wir in Kauf.

Ja, ich will sogar genau das erreichen. Genau das ist dann eben auch das Konzept: eine Art Kuratierfunktion, Öffentlichkeit schaffen für etwas, dass die Leute sonst vielleicht verpassen würden. Als Musikfan hab ich persönlich viel übrig für Labels, die sich einem bestimmten Sound verschreiben und man weiß, dass das nächste Release in die musikalische Kerbe haut, die man erwartet und persönlich mag. Als Labelchef wäre mir das zu wenig. Mein persönlicher Geschmack ist zu breit gefächert, als dass mich das befriedigen könnte.

 

Und eigentlich stellt sich dann auch gleich mal die Frage nach dem Selbstverständnis von EOM. Ein „normales“ Label, welches Demos zugesandt bekommt und dann Schecks für Plattenaufnahmen verteilt werden, ist das ja nicht. Wie läuft es hier, sprichst Du die Künstler selbst an oder ergibt sich das mehr so? Ich denke da an eine Art Netzwerk, aus dem sich auch Freundschaften entwickeln. Schließlich warst Du mal die Art Promoagentur Southern mit ihren Wurzeln in England.

Wir verfolgen mit EOM einen sehr familiären Gedanken. Alle unsere Bands stehen in Beziehung zueinander, auch wenn sie musikalisch total unterschiedlich sind. Ganz einfach, Bands auf Exile sind entweder Freunde oder sie werden es durch die Zusammenarbeit. Ganz wichtig ist bei der Entscheidung für uns, dass wir selbst die Bands entdecken. Es macht wenig Sinn, uns Demos zu schicken, weil das nicht unserer Idee von diesem Label entspricht. Wir veröffentlichen nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wollen. Da unterscheiden wir uns von anderen. Der familiäre Gedanke dieses Labels ist uns einfach extrem wichtig. Alle Bands auf Exile kennen sich untereinander und helfen sich gegenseitig. Was zählt, sind Freundschaft, gegenseitiger Respekt und Support. Da sind wir tief beeinflusst von solchen Labels wie z.B. Dischord, Constellation, SST, Sub Pop und natürlich von Southern.

 

Southern Records ist ein gutes Stichwort. Du warst mit Southern Germany über viele Jahre quasi die Promo-Außenstelle in Deutschland und hattest damit sicher ein gutes Vorbild in Sachen Labelarbeit und wie man es vielleicht etwas anders es macht.

Southern war nicht nur Label, sondern geradezu die Blaupause für alles, was uns ausmacht. Und im Übrigen auch für grundsätzliche Independentstrukturen im Musikgeschäft, wie sie heute existieren. Southern waren die ersten, die Ende der 70er sowas aufgezogen haben und haben damit ein ganzes Business umgekrempelt. Die ursprüngliche Idee hinter Southern war, eine Plattform zu schaffen, die Independentlabels und -künstler mit ihrer gesamten Attitüde und Arbeitsweise dort repräsentiert, wo ein Label es selbst aus Kapazitätsgründen nicht kann. Die Firma wurde 1977 in London von John Loder gegründet, der als Fan von CRASS die Idee hatte, einen komplett unabhängigen Vertrieb zu schaffen, ohne Platten weiter aus dem Kofferraum seines roten Nissan-Busses verkaufen zu müssen, sich aber auf gar keinen Fall mit etablierten Major-definierten Strukturen einlassen zu müssen.

Es gab damals nämlich nur zwei Möglichkeiten, sich als Band Öffentlichkeit und eine akzeptable Vertriebssituation zu verschaffen: entweder man machte alles selbst oder man unterschrieb bei einem Label und gab damit einen Großteil der Kontrolle aus der Hand, weil auch die paar Independent-Labels, die es gab, zumindest vertriebstechnisch an die Majors angedockt waren. Southern war der dritte Weg: eine Firma, die so arbeitete, wie die Labels und ihre Künstler es wollten und die aber trotzdem die Strukturen hatte und Kräfte bündeln konnte, um diese Künstler überregional zu repräsentieren. Etwas später entwickelte sich Southern dann dahin, vorwiegend amerikanische Independentlabels wie unter anderem Dischord, Constellation, Trance Syndicate und später dann Ipecac, Southern Lord, Neurot in Europa zu vermarkten.

 

 

Mit Deiner kleinen Firma bist Du in Borkheide südwestlich von Berlin ansässig. Auf dem Land, aber doch nicht zu weit weg vom Geschehen. Ist die Nähe zu dieser Metropole eine Art Standortvorteil oder spielt sowas in der heutigen, gut vernetzten Welt überhaupt noch eine Rolle?

Wir haben ja früher in Berlin gewohnt und gearbeitet. Die Idee, aufs Land zu ziehen, war eine Mischung aus geschäftlichen und familiären Gründen, beziehungsweise die Frage, wie man beides unter einen Hut bringt. Uns wurde klar, dass alles, was wir vorhatten, nur zu bewältigen ist, wenn man Familienleben und Job miteinander verknüpft. Also musste auch eine räumliche Verknüpfung her – ein Ort, an dem man leben und arbeiten kann, der genug Platz und vor allem Ruhe bietet. Also raus aufs Land. Das hat zehn Jahre auch hervorragend funktioniert. Mittlerweile habe ich seit sechs Jahren wieder einen „normalen“ Job in Berlin und fahre jeden Tag in die Stadt.

Auch wenn das anstrengend und zeitintensiv ist, möchte ich das Leben im Wald doch nicht missen. Es ist das perfekte Gegengewicht zur Hektik der Großstadt mit ihren zivilisatorischen Zwängen. Die kann man hier draußen dann jeden Abend abschütteln, wenn man sich mal wieder damit rumärgern muss, dass eine Rotte Wildschweine den Garten umgegraben hat. Hinzu kommen ganz pragmatische, einfache Dinge: Bands, die auf der Durchreise sind, können hier einfach und unkompliziert übernachten. Ich hab genug Platz für CDs, LPs, Boxen, Verstärker und das ganze Zeug, was sich so ansammelt, wenn man im weitesten Sinne mit Ware handelt. Und wenn ich mal wieder Webshop-Vorbestellungen zur Post bringe, muss ich nicht ewig einen Parkplatz suchen und mich in eine Schlange stellen. Ich pack den Kram in den Fahrradkorb, radle die Straße runter und bin der einzige Kunde.

 

Aufgrund der Historie und Deinem Broterwerb bei einem der größten Vinylpressen Europas, wird schnell klar, dass die schwarzen Scheiben seit jeher das Medium Deiner Wahl sind, auch wenn es parallel auch immer CD-Veröffentlichen gab, bzw. meist immer noch gibt. Deswegen: Was macht den Reiz von Vinyl für Dich aus? War die CD stets ein mehr oder weniger notwendiges „Stiefkind“ und wie siehst Du die Zukunft von physischen Tonträgern – zumindest in Deinem „Einflussbereich“?

Vinyl war und ist für mich der „Real Deal“. Ich würde nicht soweit gehen, die CD als „Stiefkind“ zu bezeichnen, sie ist aber immer ein Convenience-Produkt gewesen, eine Konzession an Komfort und Bequemlichkeit, quasi die Fertigpizza der Datenträger. Keine Frage, CDs machen Sinn, ebenso wie MP3s, Tapes, Streams, etc., wenn man Musik als eine Art Gebrauchsprodukt begreift. Genau da landen Diskussionen ja auch immer wieder: ich kann die Musik überall hin mitnehmen, ich kann meine ganze Sammlung auf einer Festplatte haben, ich kann sie im Auto hören. Das ist nichts Verwerfliches und für mich völlig okay. Genau deshalb haben wir immer auch CDs veröffentlicht, deshalb sind unsere Tracks bei iTunes und wir legen Download-Codes in die Platten. Für mich ganz persönlich findet das aber außerhalb meines Musikverständnisses statt.

Ökonomisch machen Schallplatten für mich Sinn, weil sie vertriebstechnisch einfacher zu kalkulieren sind. Psychologisch machen sie Sinn, weil sie eine Auseinandersetzung mit der Musik erfordern, weil sie Musik als Kunst präsentieren, für die man sich Zeit nehmen muss und einen bestimmten Ort aufsuchen muss, an dem man im besten Fall auch das Equipment stehen hat, um sie maximal zu genießen. Das muss nicht High-End sein, aber ein Plattenhörer wird sich sicher immer Gedanken darüber machen, welchen Plattenspieler, Verstärker und welche Boxen er verwendet.

Und soziologisch sind Schallplatten eng mit Musikgeschichte, Pop- und Gegenkultur verbunden. Jede musikalische Strömung, jede musikalisch definierte Subkultur – von Rock’n’Roll bis Techno – hat eine Verbindung zur Schallplatte, sie ist der Träger des Soundtracks. Es gibt keine Subkultur, die sich über CDs, MP3s, Streams oder dergleichen definiert. Ich höre privat Schallplatten. Ich höre beruflich Schallplatten. Ich stelle sie her. Mit anderen Worten: ich begreife, warum Vitamintabletten oder Smoothies in Plastikflaschen vielen Leuten das Leben erleichtern und es komfortabel machen. Ich esse trotzdem lieber einen Apfel vom Baum… den ich dann übrigens auch nicht abspüle.

 

Wenn Du auf die 90 Veröffentlichungen unter dem EOM-Banner zurückblickst, welche waren für das Label besonders wichtig und erfolgreich, welche liegen Dir persönlich besonders am Herzen?

Eine Rangliste aufzustellen, ist hier nicht möglich. Es ist einfach so: an jeder Platte hängt mein Herz, meine Begeisterung und Leidenschaft. Ich hab, was das angeht, niemals Kompromisse gemacht. Das kann ich rechtschaffen sagen. Und das fühlt sich natürlich auch gut an, das zu sagen – bin ich stolz drauf. Natürlich gibt es Platten, die kommerziell erfolgreicher waren als andere, dann gibt es welche, die ein ganz besonders großartiges Artwork haben oder die sich besonders gut zum Autofahren, zum Rasen mähen oder zum Nachbarn ärgern eignen. Andere sind inhaltlich so dicht oder so direkt politisch, dass es einem Tränen der Begeisterung in die Augen treibt. Wieder andere waren so schwere Geburten, dass allein schon ihre Existenz ein Highlight ist. Ich könnte letztlich für jede einzelne Platte auf Exile On Mainstream eine Kategorie aufmachen, in der genau diese Platte den Sieg davon tragen würde.

 

Oh, das würde eine lange Liste werden…

Wobei, das Line-Up unseres 20 Jahre EOM-Festivals im UT Connewitz und das unseres Showcases auf dem Roadburn Festival in Tilburg repräsentiert ein wenig meine ganz persönliche Hitliste, die aber nicht nur musikalisch geprägt ist, sondern auch ein wenig die Geschichte des Labels nachzeichnet. Ich hatte im Vorfeld eine Wunschliste von Bands, die ich gern auf so einer Party dabei hätte. Diese Liste umfasste 25 Bands, weil ich natürlich erwartet hatte, dass nicht alle zusagen würden. Es haben dann aber doch tatsächlich die Plätze 1 bis 19 dieser Liste für die beiden Festivals bestätigt. Ohne Ausnahme. Da wird einem schon ein wenig warm ums Herz.

 

Was waren generell die Höhepunkte in 20 Jahren EOM, gab es auch richtige Tiefpunkte, welche Dich fast dazu gebracht hätten, die Sachen an den Nagel zu hängen? Die Aussicht einen Batzen Kohle zu verdienen dürfte wohl nicht wirklich die Motivation zum Durchhalten gewesen sein.

Aber doch, natürlich. Ich mache das nur wegen der Kohle! Spaß beiseite. Es gab einige Tiefpunkte, bei denen man sich fragt, ob das alles noch Sinn macht, wie wenn mal wieder nur 20 Leute zu einem Konzert kommen, an dem man wochenlang geackert hat oder ein Festival, das einen Monate Arbeit gekostet hat und dann doch nicht kostendeckend arbeitet. Das nagt an einem. Komischerweise habe ich in solchen Momenten aber seltener ans Aufgeben gedacht, sondern eher daran, was man denn nun wieder alles falsch gemacht hat und was man beim nächsten Mal besser machen kann. Hinzu kommt, dass ich ja, wie schon beschrieben, immer versuche, kommerzielle Erwägungen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

Natürlich muss man bei so einem Label die Kosten im Auge behalten, da bin ich auch ein absoluter Kalkulations- und Planungsnerd. Ich kann aber auch gleichzeitig sagen, dass ich kein Problem damit habe, mal etwas zu tun, was keinen Gewinn abwirft, oder sogar richtig Geld kostet – nur versuche ich das vorher zu planen, so in der Art: wieviel Verlust kann ich mir leisten und kann ich sicherstellen, dass er hier nicht höher ist. Das ist der Moment, in dem Beruf, Berufung und Hobby verschmelzen. Wie viele Leute da draußen kaufen sich ein tolles Auto, ein Rennrad oder einen Fernseher für einen Haufen Geld, obwohl etwas Preiswerteres den gleichen Nutzen hat? Oder sie gehen einem Hobby nach, das natürlich nicht dazu gedacht ist, Gewinn zu machen, sondern diese Geldscheine, die man in einem Dayjob einsammelt in etwas umzutauschen, was einen persönlichen Nutzen oder Wert hat.

Die Antwort ist also: man gibt Geld aus, weil man es möchte und weil man es kann. Man hat dafür gearbeitet. Und genauso veröffentliche ich Platten: ich denke mittlerweile, ich kann ganz gut einschätzen, wie gut oder schlecht eine Platte läuft. Zumindest bin ich wirklich selten überrascht worden, was das angeht. Und manchmal habe ich mir eine Veröffentlichung eben auch „geleistet“, so wie andere vielleicht einen Urlaub, wohlwissend, dass es betriebswirtschaftlich eigentlich keinen Sinn macht – immer abhängig davon, ob die Kohle da ist. Wenn Ebbe auf dem Labelkonto ist, geht es nicht. Und wenn dann mal wieder eine Platte gut läuft, geht es dann eben doch. Kurz: finanzielle Verluste werfen mich eher nicht aus der Bahn.

Was schlimm wäre, wenn es künstlerisch oder kulturell einen Rückschlag gäbe oder etwas uncool ablaufen würde. Sowas gab es aber bisher nie. Ich hatte einmal Diskrepanzen bis hin zu einem handfesten Streit mit einem Künstler. Über den mag ich nicht gern sprechen, weil das wirklich enttäuschend war. Das könnte man als Tiefpunkt begreifen, aber das hat mich sicher nicht dazu gebracht, hinzuschmeißen. Höhepunkte gibt’s dafür massenhaft – in der Geschichte des Labels sind das die, wo dieser familiäre Gedanke so richtig Gestalt annimmt: die Blisstrain-Touren, die South Of Mainstream-Festivals, gemeinsame Jamsessions auf Rügen.

 

Und was hat Dich letztlich ständig angetrieben immer weiterzumachen?

Was mich antreibt? Ich mag es, immer neue Sachen auszuprobieren, in verschiedenen Szenen aktiv zu sein und zu organisieren. Ich mag den Nervenkitzel in der Veröffentlichungswoche, wenn man nicht weiß, ob die Platte angenommen wird. Ich mag den Moment, wenn eine Vinyl-Testpressung oder ein CD-Master kommt und ich es dann anhöre und mich voll und ganz darauf konzentriere. Mich fasziniert zu sehen, wenn eine Band auf der Bühne alles gibt und der Funke auf das Publikum überspringt – und ich weiß, dass ich dazu beigetragen habe. Und ich mag es, wenn sich Freundschaften entwickeln, zwischen Menschen, die sich ohne dieses Label niemals kennengelernt hätten.

 

 

Gibt es noch irgendwelche Wunsch- bzw. Traumkandidaten, mit denen Du gerne mal zusammenarbeiten würdest oder Projekte, welche Du gerne initiieren oder daran teilhaben möchtest?

Jeden Tag kommen welche dazu und es werden immer mehr! HA. Du wirst mich aber nicht dazu bringen, die hier raus zu posaunen. Ich glaube an Karma und denke, dass mindestens die Hälfte nicht klappen würde, wenn ich vorher darüber spreche. Wobei, ein klein wenig kann man ja mal: aktuell töten würde ich für eine Kollaboration zwischen Bellrope und Dälek. Mein Jahre gehegter Wunsch nach einer VOLT-Reunion wird, so scheint‘s, dieses Jahr noch erfüllt. Und was ich wirklich gerne mal machen würde, was aber sicher auf ewig ein Traum bleiben wird: ein kleines Generator-Festival mit drei bis fünf Bands ganz weit oben in den Dolomiten, meinen Lieblingsbergen. Und alle Gäste und Künstler müssen da rauflaufen.

 

Du hattest es vorhin schon mal angeschnitten. Mit dem South Of Mainstream und dem Blisstrain hattest Du bis vor einigen Jahren eigene Festivals und Labeltouren veranstaltet, bei dem auch auf Interaktion und Kollaboration der Künstler untereinander Wert gelegt wurde. Auf einem der Blisstrains war ich auch. Leider nicht so gut besucht. War das auch das Problem, gibt es die Veranstaltungen deswegen nicht mehr? Der Kosten- und Zeitaufwand ist letztendlich doch größer als der Idealismus?

Der Idealismus ist ungebrochen. Wir hatten auf den Blisstrain-Touren ja auch gut besuchte Shows, wie z.B. in Leipzig, Hamburg und Berlin. Die Touren haben zwar nicht viel Gewinn abgeworfen, aber sie waren auch kein Verlustgeschäft. Damit nicht weiterzumachen, war vielmehr eine strukturelle Entscheidung. Wir haben Southern Germany 2013 geschlossen, mit Ansage, die bereits zehn Jahre alt war. Ich habe immer gesagt, wenn ich 40 bin, höre ich auf, Promotion und Pressearbeit zu machen. Hinzu kam die Tatsache, dass sich das Konzept von Southern Records, nämlich vorwiegend Künstler aus dem amerikanischen Raum in Europa zu repräsentieren, überlebt hatte.

Die ganze Idee des Imports von Ware, ihrer gesammelten Lagerung in London und das Verteilen von dort war sinnvoll, solange Kommunikation und Organisation aus den USA nur eingeschränkt möglich war. Mit dem Internet, dass nun Web-basierte Bestellsysteme, E-Mail-Kommunikation und Promotion mehr und mehr über das Internet selbst als über lokale Radios und Presse möglich macht, brauchte es Southern in der ursprünglichen Form nicht mehr. Wie man immer so schön sagt, die Welt rückt zusammen. Deshalb habe ich den Laden 2013 zugemacht und einen neuen Job angefangen, in dem ich sehr glücklich bin. Exile On Mainstream blieb als Label bestehen und wird es wohl auch bleiben, aber eben mehr als Feierabend-Vergnügen. Da sind solche Organisationen wie der Blisstrain oder ein Open-Air-Festival im Sommer nicht mehr machbar. Es ist also weniger der Aufwand als die Möglichkeit, die einfach fehlt.

 

Dein eigenes Jubiläumsfestival findet am ersten April-Wochenende nicht in Berlin statt, sondern weiter im Süden, in Leipzig, im eher linksorientierten Stadtteil Connewitz. Warum gerade dort, hast Du eine besondere Beziehung zum UT Connewitz und zur Stadt an sich?

Ich hab von 1994 bis 1999 in Leipzig studiert und die Stadt ist verantwortlich für einen bedeutenden Teil meiner musikalischen Sozialisation. Dazu gehört zuerst natürlich das Leipziger Musikmagazin Persona Non Grata Magazin, das ich damals mit herausgegeben habe, aber auch das Conne Island (wo ich mal gearbeitet habe), das Zoro, Ilses Erika (da hab ich als DJ gearbeitet). Das Label habe ich zwar erst gegründet, nachdem ich schon nach Berlin gezogen war, aber irgendwie betrachte ich Leipzig immer noch als meine wahre Heimat. Die Verbindung dorthin ist nie abgerissen.

Die Entscheidung, das Festival dort zu machen, liegt aber wohl hauptsächlich am UT Connewitz. Ich halte den Laden einfach für den besten Club der Welt, weil er genauso betrieben wird, wie ich mir das von einem Club/Konzertvenue vorstelle. Das Herz, was dort drin steckt ist einfach riesengroß. Und hinzu kommt außerdem, dass uns in den 20 Jahren kein anderer Club so unterstützt hat wie das UT. Alle unsere Künstler haben dort gespielt. Das UT hat immer offene Türen gehabt, auch wenn beileibe nicht alle Shows erfolgreich waren, die wir dort gespielt haben. Das UT ist Familie und gehört zu Exile On Mainstream wie kein anderer Laden auf der ganzen Welt. Es war von Anfang an klar, dass diese Show nur dort stattfinden kann.

 

Damit möchte ich nun zum Ende kommen. Aber eine Frage sei mir noch gestattet: Wie schaut die Zukunft von EOM aus – weitere 20 Jahre, weiter Vinyl, weiter Musik voller Leidenschaft abseits der Hauptwege?

Ach, die Zukunft. Das ist das, was übermorgen schon gestern ist, stimmt‘s? Wie eben schon erwähnt, erzähle ich ja nun schon seit geraumer Zeit überall rum – mein Spiegelbild kann‘s schon nicht mehr hören – etwas kürzer treten zu wollen und nicht mehr so viel zu machen. Und dann kann ich doch wieder nicht nein sagen. Das sieht man ja auch am laufenden Jahr. Eigentlich wollten wir uns ganz auf die Vorbereitung des Geburtstagsfestivals konzentrieren und uns nicht mit so vielen Neuveröffentlichungen stressen. Und dann dreht man sich rum und schwupps sind vier neue Platten in der Mache bzw. bereits erschienen. Es besteht also durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es immer so weiter geht. Vielleicht aber auch nicht. Sowohl aus kreativer Perspektive wie auch mit Blick auf unser Bankkonto macht es keinen Sinn weiter als bis zur nächsten Veröffentlichung zu planen. Zumindest das habe ich in den 20 Jahren gelernt.

 

Der Interviewte: Andreas Kohl